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Wesentliche Faktoren der Empathie-Bildung

By 13. Oktober 2018 No Comments

Liebe Leserin, lieber Leser

Ich wage nun den Versuch, Ihnen mit meinen Ausführungen von namhaften Wissenschaftlern wichtige Aspekte, wie Mitgefühl entstehen kann, zu erläutern. Nach meinen Recherchen wurde mir die Komplexität des genialen Zusammenspiels von inneren und äusseren Faktoren noch bewusster, und ich gebe Ihnen gekürzt meine Erkenntnisse weiter. Sie stammen aus Fachliteratur, Zeitungsberichten und sind nicht von mir erfunden. Mit diesem Blog möchte ich meine offene Frage, die ich in meinem Schlusssatz des Blogs «Empathie – was für ein bedeutungsvolles Wort» andeutete, beantworten.

Gerade weil Empathie immer wieder und überall zur Sprache kommt und in der Arbeitswelt zunehmend als Erfolgsfaktor aufgeführt wird, gehe ich davon aus, dass es Sie interessiert, die Faktoren, welche diese Fähigkeit ausmachen, besser zu verstehen. Sie werden zudem wertvolle Literaturhinweise für eine vertiefte Auseinandersetzung erhalten.

Als erstes muss ich darum auf die grossartigen Wissenschaftler Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia verweisen in deren Buch: „Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühl“. Wenn Sie dem Thema Empathie auf den Grund gehen wollen, dann lesen Sie dieses Buch. In meiner Ausbildung am Institut für Kommunikation und Führung in Luzern gehörte dieses Buch zur Pflichtlektüre. Es ist auch für Laien nachvollziehbar geschrieben. Die zwei Wissenschaftler haben die biologische Basis – einfach ausgedrückt -, welche die menschliche Fähigkeit, empathisch zu sein, und die unser Denken, Handeln und Empfinden beeinflussen, mit dem regieführenden Spiegel-Prinzip erklär- und fassbar gemacht.

Die sogenannten Spiegelneuronen sitzen im Gehirn, und zwar im motorischen Cortex, denn dort sitzt das Mitgefühl; darin sind sich die Wissenschaftler einig. Die Spiegelneuronen sorgen nämlich dafür, dass wir nicht nur abstrakt beobachten, was andere Menschen machen, sondern dass wir ihre Handlungen sogar am eigenen Leib nachfühlen können, erklärt der Hirnforscher Christian Keyers. Doch wie schafft es das Gehirn dann doch, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden? Nur gerade mal zehn Prozent der Neuronen schwingen mit, wenn wir die Bewegung und Gesten anderer beobachten, sagt Keyers. „So unterscheidet das Gehirn zwischen Fühlen und Mitfühlen“.

Ob wir mit anderen mitfühlen, hängt aber auch davon ab, in welchem Verhältnis wir zu der beobachteten Person stehen. Es gibt einige Faktoren, die das Mitgefühl verstärken oder abschwächen. Das Mitgefühl einer Mutter zu ihrem Kind zeigt, dass die Schmerzaktivität im Gehirn einer Mutter stärker erhöht wird als beim Weinen eines fremden Kindes. Nicht nur die Mutter-Kind-Bindung steigert die emphatischen Reaktionen. Verstärker sind zum Beispiel auch Gruppenzugehörigkeiten, in denen die empathische Aktivität gedrosselt wird, wenn das Gegenüber einer konkurrierenden Gruppe angehört. Unterschiedliche Gehirnaktivitäten konnten die Wissenschaftler dabei mit Magnetresonanztomographen messen (Studie von Grit Hein von der Uni ZH).

Eine schnelle Übersicht wichtiger Voraussetzungen als Bedingung für die Entwicklung von Empathie aus der Fachliteratur:

*Die ersten achtzehn Lebensmonate sind besonders relevant, da in dieser Zeit, in der die Sprache als Symbolsystem anfangs noch keine, später eine zunehmende aber doch weiterhin noch untergeordnete Rolle spielt, wesentliche Grundlagen gelegt werden, die es dem Kind schließlich ermöglichen empathisch mit seiner Welt in Austausch zu treten.

*Die Entfaltung der empathischen Fähigkeiten des Kindes ist dabei eng mit der Entfaltung der Fähigkeit verbunden, wahrzunehmen, wie es von außen wahrgenommen wird. Je mehr das Kind spielerisch andere Personen – wie beispielsweise die Eltern – nachahmt, umso häufiger versetzt es sich in eine Perspektive, die das Bild einer äußeren Betrachtung seiner selbst beinhaltet.

*So wird die Unmittelbarkeit in der Begegnung wesentlich von der Grundhaltung getragen, den anderen in der spezifischen Unterschiedlichkeit und Eigenständigkeit seiner Erfahrung wahrzunehmen, ohne die eigene Erfahrung zur Interpretation der Situation des anderen diesem „überzustülpen“.

*Zudem muss emotionale Kompetenz bedeuten, sich in der zwischenmenschlichen Interaktion auf die Gefühle eines anderen einlassen zu können, diese zwar nicht zu übernehmen aber doch „mit-zu-empfinden“, ohne dass dabei der Kontaktpunkt zur eigenen Emotionalität in der wahrgenommen Emotionalität des anderen verloren geht.

*Ein Verständnis von Empathie als Kompetenz setzt in jedem Falle ein Verständnis von emotionaler Kompetenz voraus. Dabei ist emotionale Kompetenz in diesem Sinne zu verstehen als die Fähigkeit, bewusst, im Einklang mit der eigenen Persönlichkeit, situationsadäquat und auch erkenntnisleitend mit den eigenen Gefühlen umgehen zu können, diesen weder ausgeliefert zu sein, noch sie als etwas Unangenehmes aus dem Blickfeld der eigenen Aufmerksamkeit drängen zu müssen, sondern vielmehr im Stande zu sein, die eigene Gefühlswahrnehmung als Teil des individuellen Erlebens und letztlich identitätsstiftendes Wahrnehmungsmoment annehmen zu können.

*Doch allein schon die allgegenwärtige Prämisse, dass „empathisches Handeln“ und „Nett-sein“ immer wieder ohne wesentliche Hinterfragung als logische Zusammentreffen betrachtet werden, lässt die Frage berechtigt erscheinen, ob empathische Kompetenz nicht auch bei anderem – unter Umständen sogar „a-sozialem“ – Handeln von konkret Handlungsleitender Bedeutung sein kann.

So wird ein Mörder, der einfühlsam und unter Rückgriff auf seine empathischen Fähigkeiten einen Mord plant und begeht, nicht nur erheblich größere Aussichten auf Erfolg haben, er wird auch die größeren Chancen haben, „ungeschoren“ davon zu kommen.

So kann auch als ebenso wenig angemessen für das Verhalten eines Mitgliedes einer menschlichen Sozialgemeinschaft aber unter Umständen deutliches Anzeichen für hochgradig ausgeprägte empathische Kompetenz die Fähigkeit eines Menschen gewertet werden, der genau weiß, wie er einen anderen Menschen übervorteilen kann, mit diesem so sprechen und ihn so behandeln kann, dass er sich immer als der Schwächere fühlt und ihn auf diese Weise für gezielte Manipulationen empfänglich macht.

*Empathie […] erfordert als tieferes Verstehen ein Sichhineinversetzenkönnen in Situation und Gefühlslage eines anderen und geht damit deutlich über ein verbales Verstehen von Mitteilungen hinaus. Empathie bedeutet letztlich, die Perspektive eines anderen übernehmen zu können, sein inneres Bezugssystem erfassen zu können. Empathie ist folglich eine Frage der Wahrnehmungsfähigkeit.

Ich wünsche Ihnen, dass – wenn Sie zukünftig mit dem Begriff «Empathie» konfrontiert sind – sich Ihre Sichtweise geschärft hat und Sie empathische Reaktionen klarer reflektieren können. Was mich betrifft, so soll dieser Blog aufzeigen, dass mir differenziertes Denken und Handeln und sorgfältiges Recherchieren enorm wichtig sind. Das Thema war bedeutend, und so konnte ich dieses nur unter Beizug von Experten ansatzweise beantworten. Ich hoffe, Ihnen mit diesem kurzen Exkurs die Neugierde auf das komplexe Thema Empathie gestärkt zu haben, und freue mich, wenn Sie aus diesem Blog etwas für sich mitnehmen können.

Herzliche Grüsse

Tanja Bartholdi

Literaturnachweis
Damasio T., A. R. (2000). Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins und aus Warum wir kooperieren München: List.
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Stern, D. N. (1992). Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart: Klett-Cotta.
Liekam, S. aus Unterföhring; Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 2004
FOCUS Online – Autorin Anna Vonhoff, Wie Mitgefühl entsteht. und warum Gähnen ansteckend ist. 9.9.2013
Zwick, E. (2004). „Von Anfang an“. Zur Bedeutung ästhetischer Erfahrungen. Infodienst Kulturpädagogische Nachrichten

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